Die junge Wirtschaftszeitung
„economy“ hat unseren metalogikon-Partner Rudy Attems gebeten, einen Kommentar von außen zum Thema "Lateinamerikagipfel der EU" zu verfassen. Wir wollen ihn auch den interessierten Besuchern unserer Website nicht vorenthalten, da er die kritische Auseinandersetzung mit globalen Entwicklungen im metalogikon mit-repräsentiert. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von
economy.
Kritisch geht's auch weiter bei unserer nächsten Metalogkonferenz „Courage in Organisationen: Zwischen Sachzwang, Verantwortung und Freiheit...“ vom 6. bis 9. Juni 2007 in Strobl. Schon jetzt vormerken!
We are not amused!
Hugo Chávez und Evo Morales verunsichern die Wirtschaftsmächte. Ist die einzige mögliche Antwort darauf Rüge? Oder kann die Europäische Union hier auch etwas lernen? Von Managern zum Beispiel?
Nach kürzeren und längeren Diktaturen, nach wohlmeinenden Ratschlägen zur Entstaatlichung der Wirtschaft seitens der „erfahrenen“ Industrieländer und darauf folgender korrupter Bereicherung einer herrschenden Elite, die mit ausländischen Konzernen gemeinsame Sache hinsichtlich Ausbeutung betrieben, haben etliche der südamerikanischen Länder wieder ihre eigene Stimme, ihre Autonomie (= Selbstbestimmung) entdeckt.
Nehmen wir einmal an, hier handelt es sich um keine Guerrilleros, sondern um vom Volk gewählte Politiker, die längst fällige Änderungen ihres politischen Systems angehen wollen. Sie würden eine Konjunktur der Rohstoffe auf dem Weltmarkt zum Systemumbau nutzen wollen, der in größere soziale Gerechtigkeit münden soll.
Sicher: Wir wissen nicht, wo das enden wird, und die „neuen“ Präsidenten in Südamerika tun es auch nicht. Aber um welche Ungewissheiten geht es hier? Um zweierlei - je nach Interessenlage: da wird auf der einen Seite von europäischen Staatsmännern gleich der Zeigefinger erhoben: „Aber, aber, so was tut man nicht (Enteignung der ausländischen Ölfirmen). Man darf nicht Rechtsunsicherheit aufkommen lassen bei Unternehmen, die ihr gutes Geld in eurem Land anlegen.“ Was hier verständlicherweise geschützt werden soll, ist das Recht auf Eigentum, und das ist im Kapitalismus unantastbar, gleichgültig wie es erworben wurde.
Was die andere Seite für sich in Anspruch nimmt, ist ein anderes Recht: jenes auf soziale Gerechtigkeit, Bekämpfung der Armut und das Recht auf Bildung. Es ist natürlich kein Zufall, dass auf dem Gipfel in Wien Menschenrechte weniger das Thema waren als die wirtschaftlichen Beziehungen. Der Zeigefinger von Schüssel und Annan taucht wie in einem Bild aus der rechten oberen Ecke, von Wolken leicht verdeckt, auf: Ein göttlicher Fingerzeig von dort, wo die Macht wohnt? We are not amused, are we?
Die Musterunterbrechung
Mit einigem an Show und Selbstdarstellung wird das Gegenthema des Bildes von seinen Hauptprotagonisten entwickelt. Man diskutiert lieber mit „Linken“ und Herrn Altvater, als in Schönbrunn mit dem politischen Establishment zu dinieren. Aber stellen wir uns vor, die neuen Präsidenten dieser Länder hätten nicht diesen Schock im Establishment erzeugt. Sie dürften wohl kaum darauf hoffen, ihre Rolle als zu belehrende Bittsteller verändern zu können. Wir haben es hier, um eine Vokabel aus der Organisationssprache zu verwenden, mit der Notwendigkeit einer Musterunterbrechung zu tun. Manager wissen, dass Veränderungen oft nur möglich werden, wenn ein Unterschied gemacht wird, der einen Unterschied macht.
Was also müssen Politiker aus Staaten machen, die ihrem Land eine gleichberechtigte Stimme im globalen Konzert verleihen wollen? Die also gehört und ernst genommen werden wollen? Sie müssen eine andere, deutliche Sprache sprechen! Es ist zu hoffen, dass solche Prozesse im globalen Konzert verstanden werden. Nur dann können sie weg vom Kapitalismusdiktat und hin zu neuer Partnerschaft führen.
Denn wenn diese Länder auch einmal (hoffentlich) Gesetze erlassen, die ihre Arbeitenden vor ausbeuterischen Konzernen schützen sollen - wird man Ihnen dann ebenfalls sagen „We are not amused! Dann gehen wir eben in ein anderes Land?“ Dann werden sie wissen, dass das globale Konzert nicht gleichberechtigt klingt und dass Menschenrechte eine Frage sind, die einzig und allein das Wirtschaftssystem der Mächtigen entscheidet.
Rudolf Attems ist Organisationsberater und verfügt über lange Erfahrung in Cross-Culture Projekten. Der Autor mehrerer Bücher war bis 1997 über 12 Jahre Leiter des Managementsinstituts der Industriellenvereinigung (MDI) und ist geschäftsführender Gesellschafter der Attems,Weber Organisationsberatung.